
Skandinavien – von Riesen und Trollen
Skandinavien steht auf der Liste der Reiseziele für viele Mitteleuropäer ganz oben. Sei es mit dem Auto, dem Wohnmobil, einem Kreuzfahrtschiff oder auch mit dem Motorrad.
OstseeMotorradregion Ostsee30 Strecken
Der Motorrad-Guide an der Ostsee: die besten Strecken, Touren, Streckensperrungen, Sehenswürdigkeiten und Anreise.
Die Ostsee ist als Motorradrevier ein Küsten- und Alleen-Revier, kein Pass-Revier. Wer hier fährt, sucht nicht die Serpentine und den Höhenmeter, sondern die lange Linie am Wasser, den Wechsel zwischen Bodden, Steilküste und flachem Hinterland und die von Baumreihen gefassten Landstraßen. Die Kernstrecke zieht sich von der Lübecker Bucht in Schleswig-Holstein über die gesamte mecklenburg-vorpommersche Küste bis zur polnischen Grenze auf Usedom. Die durchgehende Achse ist die B105, die auf 182 Kilometern von Selmsdorf über Wismar, Rostock und Ribnitz-Damgarten bis Stralsund und weiter nach Greifswald führt und dabei streckenweise der historischen Nordostdeutschen Hanse-Route folgt.

Das Streckenbild prägt weniger die B105 selbst als das Netz der Landstraßen daneben. Mecklenburg-Vorpommern hat eine der höchsten Alleen-Dichten Deutschlands; auf Rügen beginnt die rund 2900 Kilometer lange Deutsche Alleenstraße, die bis zur Insel Reichenau am Bodensee reicht. Kilometerlange Lindenreihen, Eichen und Kastanien bilden über der Fahrbahn ein geschlossenes Blätterdach, und genau davon leben viele Etappen. Ein Teil dieser Alleen liegt noch auf altem Kopfsteinpflaster; bei Nässe und Laub ist der Grip dort geringer als auf Asphalt, was das Tempo von selbst herunterregelt.
Weil Bodden, Haffs und Förden die Küste tief zerschneiden, gibt es keine durchgehende Straße direkt am Wasser. Wer der Küstenlinie folgen will, fährt im Zickzack: hinaus auf eine Halbinsel, an die Spitze und dieselbe Straße zurück, dann das nächste Stück Land. Die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst zwischen Rostock und Stralsund ist das deutlichste Beispiel — die Straße durch Ahrenshoop, Wustrow und Prerow endet am Naturschutzgebiet Darßer Ort ohne Durchfahrt, also Stichstrecke hin und zurück. Ähnlich funktionieren die über einen Damm erreichbare Insel Poel bei Wismar oder die Seebäderkette entlang der Mecklenburger Bucht mit Rerik, Kühlungsborn und Heiligendamm. Diese Sackgassen-Etappen gehören zum Charakter des Reviers und wollen in die Planung, sonst steht man am Ende einer langen Straße vor dem Deich.
Rügen ist das Herzstück. Über die B96 und die 2831 Meter lange Rügenbrücke, die Stralsund mit der Insel verbindet, führt die Hauptachse über Bergen bis Sassnitz. Anders als die flache Küste ist Rügen eiszeitlich geformt und hügelig: höchste Erhebung ist der Piekberg mit 161 Metern in der Stubnitz, dazu die Granitz mit 107 und der Rugard mit 90 Metern. An der Nordostküste bricht der Kreidefelsen Königsstuhl 118 Meter zur Ostsee ab. Die Insel gliedert sich in die Halbinseln Jasmund, Wittow und Mönchgut; kurze, kurvige Verbindungsstraßen zwischen Bodden und Steilküste machen den Fahrspaß aus, nicht große Höhenunterschiede. Im hügeligen Südosten um die Granitz und das Mönchgut mit Göhren führen enge, bewaldete Sträßchen mit echten Kurvenfolgen — der kurvigste Teil der Insel.

Usedom im Osten erreicht man über die B111 ab Wolgast; die östliche Inselspitze mit Świnoujście gehört zu Polen, wer weiterrollt, überquert dort eine EU-Binnengrenze und sollte die Fahrzeugpapiere dabei haben. Im Nordwesten der Insel liegt Peenemünde, im Süden reihen sich die Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin. Die große Insel im Westen ist Fehmarn: über die Fehmarnsundbrücke, eine 963 Meter lange Bogenbrücke von 1963, die wegen ihrer geneigten Parabelbögen „Kleiderbügel" heißt, kommt man auf der B207 von Großenbrode auf die Insel und von dort per Fähre Puttgarden–Rødby weiter nach Dänemark.
Ein Detail, das die Ostsee-Planung von der im Mittelgebirge unterscheidet, sind die beweglichen Brücken. Mehrere Insel-Zufahrten führen über Klapp- oder Drehbrücken, die zu festen Zeiten für den Schiffsverkehr öffnen und den Straßenverkehr dann anhalten — etwa die Peenebrücke „Blaues Wunder" in Wolgast auf dem Weg nach Usedom, die Meiningenbrücke von Bresewitz nach Zingst und die alte Ziegelgrabenbrücke des Rügendamms bei Stralsund. Wer knapp kalkuliert, steht dort im Zweifel zehn bis fünfzehn Minuten. In der Hauptsaison kommt an den Insel-Zufahrten und in den Seebädern zäher Verkehr dazu; früh am Tag oder außerhalb der Ferienwochen fährt sich die Küste deutlich flüssiger.
Das Fahrgefühl an der Küste ist ein anderes als im Mittelgebirge. Der Wind ist ständiger Begleiter und auf freien Küstenabschnitten und offenen Brücken als Seitenwind spürbar; man fährt dort mit ruhiger Linie und etwas Reserve zum Fahrbahnrand. Das Seeklima hält die Sommer kühler als im Binnenland und die Saison lang; klare Tage mit Fernsicht über Bodden und Haff sind der Normalfall. Zwischen den Etappen liegen Steilküsten, flache Sandhaken, Fischerhäfen und die weite Boddenlandschaft — Landschaftswechsel im Takt weniger Kilometer statt im Takt der Höhenlinien.

Als Ankerpunkte dienen die Hansestädte in Backsteingotik. Lübeck, dessen Altstadt seit 1987 auf der UNESCO-Welterbeliste steht, markiert den westlichen Auftakt; Wismar und Stralsund stehen seit 2002 gemeinsam auf der Liste, Greifswald schließt im Osten an. Ihre Altstädte sind eng, gepflastert und teils Fußgängerzone — Ziel für einen Stopp, nicht für die Durchfahrt. Zwischen den Küstenabschnitten verbinden kurze Fähren die Strecke, etwa Glewitz–Stahlbrode über den Strelasund; vom Fährhafen Mukran bei Sassnitz setzen größere Schiffe nach Bornholm über. Die Insel Hiddensee westlich von Rügen ist autofrei und nur per Fähre ohne Fahrzeug erreichbar — dort geht es zu Fuß oder per Rad weiter. Aus diesen Elementen setzt sich jede Ostsee-Tour zusammen: gerade Alleen, kurvige Insel-Nebenstraßen, Brücken über die Sunde und der ständige Blick aufs Wasser.
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